26. Dezember 2019

30 Prädikanten und Prädikantinnen bereichern im Saarland ihre Gemeinden in vielfältiger Weise.


Sie kommen aus allen Schichten der Gesellschaft, aus allen Berufen und Altersgruppen: die rund 650 Menschen, die in den Gemeinden der Evangelischen Kirche im Rheinland ehrenamtlich als Prädikant oder Prädikantin Dienst tun

In den beiden Kirchenkreisen Saar-Ost und Saar-West gibt es derzeit etwa 30 Menschen, die in dieser Weise in ihren Gemeinden wirken;  sieben  Anwärter befinden sich derzeit in der Ausbildung.

 

Was jedoch ist ein Prädikant? Was sind seine Aufgaben? Was treibt Menschen an, sich zusätzlich zu den Belastungen und alltäglichen Anforderungen im Beruf und in der Familie einer umfassenden Ausbildung zu unterziehen und anschließend dieses anspruchsvolle und zeitintensive Ehrenamt auszuüben? 

 

Aus der Not geboren

 

Zunächst ein Blick in die Geschichte: Während und nach dem Zweiten Weltkrieg mussten zahlreiche Gemeinden in Deutschland ohne ihre Pfarrer auskommen. Diese waren etwa aufgrund ihres Widerstandes gegen den Nationalsozialismus aus dem Pfarrdienst entfernt oder zum Kampf an der Front eingezogen worden. Nach dem Krieg sah es nicht viel besser aus, denn viele kamen nicht mehr zurück. In ihrer Not halfen sich die verwaisten Gemeinden selbst und bildeten  männliche Gemeindeglieder, die für diese besondere Aufgabe geeignet waren, für den Verkündigungsdienst aus.  Diese sprachen dann anstelle des Pfarrers in den schweren Kriegs- und Nachkriegsjahren ihren Brüdern und Schwestern durch die Verkündigung des Evangeliums Mut und Trost zu. Damals entstand auch die Bezeichnung „Predigthelfer“, der in unserer Landeskirche noch bis vor wenigen Jahren gebräuchlich war. Seit 2004 lautet die offizielle Bezeichnung Prädikantin beziehungsweise Prädikant und auch hierin steckt die „Predigt“: Das lateinische „praedicare“ heißt auf Deutsch einfach „predigen“. Der Prädikant ist also der Prediger – und doch tut er viel mehr als nur predigen.

 

Intensive Ausbildung

 

Im Prinzip kann sich jedes Gemeindeglied zum Prädikanten ausbilden, oder -  wie es offiziell heißt - zurüsten lassen. Im Prinzip. Denn, so ehrlich muss man sein, nicht jeder, der möchte, bringt auch die Voraussetzungen dafür mit. So ist es nur folgerichtig, dass einige Hürden zu nehmen sind, bevor die Ausbildung begonnen werden kann. Zunächst einmal muss der Interessent sein Anliegen im Presbyterium seiner Kirchengemeinde vorbringen. Gibt dieses Grünes Licht, so folgt ein intensives persönliches Gespräch mit dem Superintendenten und dem Synodalbeauftragten für Prädikanten. „Das Thema ist etwas heikel“, sagt Uwe Herrmann, Pfarrer in der Gesamtkirchengemeinde Saarbrücken-Ost und  Synodalbeauftragter für Prädikanten und Prädikantinnen im Kirchenkreis Saar-West.  „Zum Glück hatten wir die Situation bisher noch nicht, denn ich stelle es mir äußerst schwierig vor, jemandem, der sich berufen fühlt, einen abschlägigen Bescheid zu erteilen.“ Und doch müsste dies im Falle eines Falles konsequent getan werden, ist Herrmann überzeugt. „Der Prädikant vertritt schließlich die Gemeinde nach innen und nach außen.“ Er verkündet das Wort Gottes, hält Gottesdienste, traut, tauft und beerdigt. Darüber hinaus übernimmt er unter Umständen auch Vertretungsdienste in anderen Kirchengemeinden. „Es muss daher sichergestellt sein, dass er diesen Aufgaben gewachsen ist und sie mit Würde und Integrität ausfüllen kann.  Er muss in seinem Amt für die Gemeinde glaubhaft und schlüssig sein“, so Herrmann. 

 

Wird man zugelassen, so bietet ein Schnupperwochenende die Gelegenheit, sich selbst nochmal auf Herz und Nieren zu prüfen und sich selbst die entscheidenden Fragen „Will ich das?“ und „Kann ich das?“ ehrlich zu beantworten. Erst dann beginnt die eigentliche Ausbildung. Michael Diener steckt gerade mit zwölf weiteren Anwärtern mittendrin. Er engagiert sich seit vielen Jahren im Bezirk Bischmisheim der der Gesamtkirchengemeinde Saarbrücken-Ost.  „Die Ausbildung ist schon sehr anspruchsvoll“, sagt der 58jährige Gastronom und lacht. Unterrichtsinhalte sind ein biblisch-theologischer Grundkurs, ein Predigtkurs, Kurse zur  liturgischen Präsenz und zur seelsorgerlichen Gesprächsführung mit Einführung in Taufe, Trauung und Bestattung – alles gepackt in zwei Wochenseminare und drei  Intensivkurse an Wochenenden. Schulungsorte sind das Tagungs-und Gästehaus des Evangelischen Kirchenverbandes Köln in Nümbrecht-Überdorf und in Wuppertal das Internationale Tagungszentrum auf dem Campus der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel. In diesen Häusern sind die Schulungsteilnehmer auch untergebracht – praktisch, denn in der Regel beginnt der Seminartag um 8 Uhr 30 mit der Morgenandacht und endet um 21 Uhr mit der Abendandacht.

 

 „Den meisten Spaß hatten wir im Kurs zur liturgischen Präsenz“ schmunzelt Diener. „Sich angemessen und würdevoll im Talar zu bewegen, ohne sich zu verheddern oder zu stolpern – das will schon gelernt sein.“ Außerdem haben die Anwärter den Nachweis über zehn gehaltene Gottesdienste und eine Amtshandlung (also Taufe, Trauung oder Bestattung) zu erbringen. Wurde die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen, folgt die Ordination. Der Prädikant darf fortan selbständig Gottesdienste halten und Amtshandlungen durchführen. Doch es gibt auch Grenzen, gerade bei der Übernahme von Beerdigungen, wie Uwe Herrmann betont: Die psychische Ausnahmesituation etwa, in der sich Angehörige eines Unfallopfers oder eines verstorbenen Kindes befinden, würde einen Prädikanten höchstwahrscheinlich überfordern. Ein Pfarrer, der nach seinem Theologiestudium mehrere Jahre als Vikar und im Vorbereitungsdienst absolviert hat, kann mit einer solchen Extremsituation hingegen schon eher umgehen. „Prädikant und Pfarrer sind keine Konkurrenten“, betont Herrmann: „Sie arbeiten zusammen und ergänzen sich.“ Prädikanten seien wichtig für die Gemeinde, weil sie aus ihrem ganz anderen Lebensumfeld heraus auch einen anderen Blick auf die biblischen Texte und den Glauben hätten, neue Impulse und Ideen einbrächten.

 

Mit Menschen zusammenkommen

 

Iris Jochum, Prädikantin in der Kirchengemeinde Uchtelfangen, ist im Zivilberuf Beamtin bei einer Bundesbehörde. „Kürzlich fragte mich eine Kollegin, ob ich ihr neu gekauftes Haus segnen könne. Mich hat diese Frage total überrascht, denn im Alltag erkennt man oft nicht, wie viel Glauben und Religion doch noch in den Menschen steckt“, erzählt Jochum. Sie ist von Kind an in der Kirchengemeinde verwurzelt, hat mehr als 20 Jahre lang den Kindergottesdienst mitgestaltet. „So viel Spaß es auch gemacht hat, irgendwann wollte ich nicht mehr mit Kindern arbeiten, aber auf jeden Fall weiter in der Gemeindearbeit aktiv bleiben.“  Vor sechs Jahren hat sie sich zur Prädikantin ausbilden lassen. „Mir ist es wichtig, mit Menschen zusammenzukommen.“ Es mache großen Spaß, etwa mit der Frauenhilfe den Gottesdienst zum 1. Advent zu erarbeiten. „Ich freue mich, wenn ich mit meinen Ideen etwas gestalten kann“, sagt sie. Es ist ihr sehr wichtig, gerade in der heutigen Zeit für christliche Werte einzustehen, sie zu leben, zu vertreten und weiterzugeben.

 

Auf bereits zehn Jahre Prädikantendienst blickt der Scheidter André Foedisch zurück. Schon in den 70er Jahren hat er sich im Presbyterium in seiner Kirchengemeinde engagiert. „Manchmal haben wir Presbyter  aus Zeitgründen schon mal die Eingangs- oder Schlussliturgie übernommen, wenn unser Pfarrer als Urlaubsvertretung auch in der Nachbargemeinde Gottesdienst zu halten hatte. Schon damals habe ich gemerkt, wie viel Freude es mir macht, vor der Gemeinde zu stehen und Gottes Wort zu verkünden“, erinnert er sich. Das sei bis heute seine tiefe Motivation geblieben: das Evangelium verkünden und den Menschen Hoffnung geben. Am liebsten, so erzählt er, halte er die Gottesdienste außerhalb der Gemeinde, etwa , etwa beim Saarwaldverein, dem Rentrischer Dorffest oder zur Scheidter Kirmes, denn bei dort erreiche man eben in entspannter Atmosphäre auch die Menschen, die sonst seltener den Weg in die Kirche fänden.  

 

Prädikantin oder Prädikant werden und sein – das ist alles andere als ein Sonntagsspaziergang. Doch Iris Jochum, Michael Diener und André Foedisch sehen als gläubige Christen dieses Amt trotz aller Anforderungen als zutiefst sinnstiftende Aufgabe an, die alle Anstrengungen wert ist. Andrea Reinmann

 

Ausführliche Informationen zu Ausbildung und Dienst als Prädikant/Prädikantin bietet die Internetseite der Evangelischen Kirche im Rheinland unter: www.gemeinde-kirchenentwicklung.ekir.de/praedikantinnen-und-praedikanten.php

 

 





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