23. Juli 2020

Zwischen liebgewonnener Tradition und „neuem Alltag“


Die Evangelische Kirchengemeinde Merzig hat drei Wochen lang ein Sommerferienprogramm mit Tagesaktionen für Kinder und Jugendliche geboten. Organisiert und durchgeführt wurde das Programm unter Corona-Bedingungen von einem Team aus zwei Haupt- und zehn Ehrenamtlichen.

„Jetzt mit Schwung!“, ruft Johanna dem kleinen Jamie zu. Die 22-jährige ist ehrenamtliche Teamerin beim Sommerferienprogramm der Kirchengemeinde Merzig. Die erste Aktion des Tages ist gerade beendet: Action-Painting stand auf dem Programm, ein Kunstprojekt. Pinsel braucht dabei niemand: Die Farbe wird wenig filigran aufgetragen, mit Wasserballons, Spritzpistolen oder im Zweifelsfall mit den Fingern. Dadurch entstehen besonders dynamische Muster. Gerade trocknen die Ergebnisse auf über 40 Leinwänden in der Sonne. Jamie muss noch etwas üben. Sein Ballon ging etwas daneben.

„Macht nichts“, sagt Julia Schneider, hauptamtliche Jugendleiterin der Kirchengemeinden im Hochwald. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Frank Paqué von der Kirchengemeinde Merzig und zehn ehrenamtlichen Teamern hat sie das Alternativ-Programm vorbereitet und organisiert.

Geboten wurde viel: Rad- und Wandertouren, Ausflüge ins Zeitungsmuseum oder in den Saarbrücker Zoo, sportliche Aktivitäten wie Fußballgolf und Tanzen in der Tanzschule La Danse oder eben künstlerische Workshops wie das Action-Painting an diesem Tag. Auch die Musikschule KlangArt und die Kreismusikschule aus Merzig waren aktiv dabei.

Maßgeblich getragen wird das Programm von den vielen ehrenamtlichen Teamern, die ihrer Kirchengemeinde teils seit vielen Jahren die Treue halten. So wie Johanna, die vom Praktikum über ein Freiwilliges Soziales Jahr bis zur ehrenamtlichen Mitarbeit schon alles in der Gemeinde gemacht hat. Seit März ist sie außerdem Presbyterin. Oder wie die 17-jährige Paula, die seit elf Jahren jeden Sommer im Evangelischen Gemeindezentrum verbringt. In die Teamerrolle sei sie „dann irgendwie hineingerutscht.“ Nun ist sie schon ein alter Hase, kennt sich aus und hilft, wo sie kann. Zwischen zwei Programmpunkten erholen sich die Teamerinnen im Schatten von der drückenden Sonne. Am Nachmittag geht es weiter.

Doch in Sommer 2020 ist nichts wie sonst: Landauf, landab mussten Ferienfreizeiten abgesagt werden. Diejenigen, die etwas planen, müssen viele Auflagen und Einschränkungen inkauf nehmen. „Wir haben uns schon viele Gedanken gemacht wegen Corona“, gibt Julia Schneider zu. Letztlich hätten sie sich für dieses Modell entschieden: Drei Wochen lang täglich wechselnde Tagesangebote in kleinen Gruppen mit maximal zehn Kindern, ohne Übernachtung, dafür auch ohne Maske. Meistens drei Aktionen parallel. Während eine Gruppe malt, ist eine andere tanzen und eine dritte macht eine Stadtrallye.

Dass es trotz allem ein Angebot gibt, sei für die Kinder gut – aber auch für die Eltern. So viele seien durch Corona in finanzielle Not geraten. Schwer sei es insbesondere für die Familien mit drei Kindern, davon gebe es in Merzig viele, so Schneider. Also bietet die Kirchengemeinde das Ferienprogramm für alle Kinder kostenlos an. Es wurde kein Teilnahmebeitrag erhoben. Stattdessen beantragten die Merziger Zuschüsse von Land und Landkreis und baten um Spenden. „Die Spendenbereitschaft ist wirklich extrem hoch“, bestätigt Schneider. Geldspenden seien auch von Menschen gekommen, die eigentlich mit Kirche gar nichts am Hut hatten, aber das Angebot unterstützen wollten – manchmal auch ganz spontan. „Hinter dem Gemeindezentrum verläuft ein öffentlicher Weg, da kommen regelmäßig Leute vorbei.“, erklärt Schneider. Einmal sei ein Mann stehen geblieben und habe sich erkundigt, was hier gemacht werde. „Das fand er so gut, dass er sein Portmonee gezückt und 20 Euro gespendet hat.“

Ein entstehender Fehlbetrag würde über den Diakoniefonds der Kirchengemeinde ausgeglichen. Doch im Moment sehe es nicht danach aus, dass dieser benötigt würde.

Während die Teamerinnen die Malsachen wegräumen, kommen die ersten Jungs von der Tanzgruppe zurück. Trotz drückender Mittagshitze streben sie gleich zum Basketballkorb – ein wenig Bewegung vor dem Mittagessen. Zum Glück gibt es ein Planschbecken zum Abkühlen. Alle sind zufrieden mit dem Tag bisher, alle haben Spaß.

Also ist das Modell mit den Tagesangeboten zukunftsweisend? Da gehen die Meinungen in Merzig auseinander. „Zelten ist Tradition“, meint Paula, die selbst seit ihrem sechsten Lebensjahr jedes Jahr beim Merziger Sommercamp war. Die wechselnden Angebote seien aber eine „coole Alternative“. Denn so wurden Familien angesprochen, deren Kinder bisher nie mitmachen konnten. Die vierzehnjährige Hannah sieht das ähnlich. Ohne Übernachtung sei es ihr zunächst komisch vorgekommen, letztlich war es dann aber gut.

„Vielleicht können wir im nächsten Jahr beides anbieten“, meint Julia Schneider. Den Spaß lassen sie sich auch in diesem Jahr nicht nehmen.





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