30. Juli 2020

Sakrale Orte als Spiegelbild industrieller Entwicklungen


Viele Kirchen und sakrale Orte im Saarland spiegeln die Industriegeschichte der Region wieder. Die Evangelische Akademie bietet regelmäßig Exkursionen zu ihnen an. Auch wieder im zweiten Halbjahr 2020

Die Kirchen und sakralen Orte mit industriellen Bezügen sind oftmals zu Wahrzeichen eines Ortes oder der ganzen Region geworden. Sie verkörpern und dokumentieren Industrie-, Regional- und Glaubensgeschichte. Diese Zusammenhänge sind vielfach unbekannt.

Deshalb hat die Evangelische Akademie im Saarland in Zusammenarbeit mit dem Institut für Landeskunde in den letzten Jahren zahlreiche Ganztagsexkursionen zu fast fünfzig sakralen Orten, überwiegend Kirchen, durchgeführt, die in direktem Zusammenhang mit der industriellen Entwicklung und Geschichte des Saarlandes durchgeführt. Die Resonanz war stets äußerst positiv. Zudem zeigten sich viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Touren überrascht von der ästhetischen Qualität der Gebäude.

In der Zeit vom Beginn der Industrialisierung im frühen 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg setzte im Saarland eine bis heute prägende wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung ein. Diese Entwicklung hat ihren Niederschlag auch gefunden im allgemeinen Bauwesen. Zu den bedeutenden Bauwerken, die seit dem 19. Jahrhundert entstanden sind, gehörten nicht nur Bergwerksanlagen, Fabriken und Siedlungen, sondern ebenso Räume des Glaubens. Der stetige Bedarf an neuen Arbeitskräften führte zu einem sprunghaften Wachstum der Bevölkerung: manch kleines Dorf entwickelte sich in kurzer Zeit zu einem Industriestädtchen, gänzlich neue Orte wurden gegründet.

Neben dem umfangreichen Bau von Arbeitersiedlungen und Schlafhäusern wurden auch Kirchen erweitert bzw. neu gebaut. In diesen Jahrzehnten entstanden an die 300 Sakralbauten, überwiegend solche in historistischer Architektur. Diese Bauentwicklung wurde von der expandierenden Bevölkerung gewünscht und vom staatlichen Bergbau und den Hüttenbesitzern unterstützt.

Der hiesige Staatsbergbau und die Stahlindustrie haben das Land und seine Menschen entscheidend geprägt. So verwundert es nicht, dass viele kirchliche Architekturen Bezüge zur Industrie zeigen. Ihre Ausstattungen beinhalten vielfach Skulpturen und Gemälde, die die Schutzheilige des Bergbaus, die Heilige Barbara, darstellen. Auch finden sich Darstellungen der berg- und hüttenmännischen Arbeitswerkzeuge oder Fahnen von Arbeitervereinen.

Großindustrielle wie Stumm und Röchling unterstützten die Gemeinwesen beim Bau von Gotteshäusern, die den Glauben der Belegschaften stärken und sie vom Gift der Sozialdemokratie fernhalten sollten. Die Stumms in Neunkirchen finanzierten die evangelische Christus- und die katholische Marienkirche. Die Röchlings in Völklingen schufen sich eine Kirche als Repräsentationsbau mit einem Fresko-Deckengemälde, das die Völklinger Industrielandschaft und Mitglieder der Familie Röchling zeigt. In Saarbrücken ließen sich die Stumms am Fuße des Halbergs eine Privatkirche errichten, gleiches hatten sie bereits zuvor in Neunkirchen in Anlehnung an das Eisenwerk in einem eigens geschaffenen Park getan.

Nicht nur Kirchbauten, auch Grabstätten weisen industrielle Zusammenhänge auf. So kann man auf dem Saarbrücker Friedhof St. Johann das Repräsentationsbedürfnis bedeutender Industrie- und Handelsfamilien in Form von pompösen Grabanlagen bestaunen. Ehemalige an Gruben angeschlossene Betsäle mauserten sich zu stattlichen Kirchenbauten, auch ein Pferdestall wurde zu einem Kirchraum umgebaut. Daneben findet man zahlreiche Denkmäler und Kapellen, die Zeugnis ablegen von dieser Zeit der rasanten industriellen Entwicklung.

Eine der eindrucksvollsten Kirchen, die industrielle Bezüge in sich tragen, ist St. Hildegard in St. Ingbert. Der Außenbau ist in Backstein, dem typischen Industriestein, gehalten. Und das Innere ist einem untertägigen Grubenbau in Gestalt eines sog. „Türstocks“ nachempfunden. So fühlten sich die Bergleute, die den Gottesdienst in der St. Ingberter Kirche besuchten, stets an ihren schweren Arbeitsalltag erinnert.

Auch das Ende des Bergbaus im Saarland steht in direktem Zusammenhang mit einer Kirche. Die Kirche St. Blasius in Saarwellingen wurde durch ein bergbaubedingtes Erdbeben in starke Mitleidenschaft gezogen. Die saarländische Landesregierung verhängte daraufhin den sofortigen Abbaustopp. Dieses Beben leitete das endgültige Aus für den Saarbergbau zur Mitte des Jahres 2012 ein.

von HANS-HERMANN BENDZULLA und DELF SLOTTA

Info: Das Programm der Evangelischen Akademie für das zweite Halbjahr 2020 finden Sie hier: Programm





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