26. November 2018

Bewegende Lebensbilder spiegeln ein Stück rheinische Kirchengeschichte


Das Buch „Zwischen Bekenntnis und Ideologie. 100 Lebensbilder des rheinischen Protestantismus“ porträtiert evangelische Persönlichkeiten, die die NS-Zeit durchlebt und in der rheinischen Kirche gewirkt haben. Am Sonntag stellte Mitherausgeber Prof. Joachim Conrad das Buch in Saarbrücken vor.

Sie legte Wert auf die Anrede „Fräulein“: Die Alt-Saarbrücker Kaufmannstochter Ida Obenauer (1875 - 1957) fand im kirchlichen Ehrenamt ihre Erfüllung. 1921 war sie die erste Frau im Presbyterium der Kirchengemeinde Alt-Saarbrücken – Frauen waren erst seit 1920 wählbar - und 1922 gehörte sie zu den Gründerinnen des Saarverbands der Evangelischen Frauenhilfe, den sie über 30 Jahre leitete. In der NS-Zeit wurde sie Mitglied der Bekennenden Kirche und machte die Frauenhilfe zu einem Bollwerk gegen die regimetreuen Deutschen Christen.

Ida Obenauer gehört ebenso wie der bekannte Kirchenmusiker Karl Rahner, der im Saarland aufgewachsene Friedrich Langensiepen (Pfarrer der Bekennenden Kirche in Gödenroth im Hunsrück), der deutsch-nationale Pfarrer Wilhelm Reichard (wurde 1941 zum Superintendenten in Saarbrücken ernannt) und der stramm hitlertreue Gauleiter der Deutschen Christen im Saarland, Gustav Adolf Müller, zu den rheinischen Protestantinnen und Protestanten, die in dem neuen Buch „Zwischen Bekenntnis und Ideologie. 100 Lebensbilder des rheinischen Protestantismus“ vorgestellt werden.

Der Band enthält Kurzbiografien von hundert evangelischen Persönlichkeiten, die unmittelbar vor, während oder in den Jahrzehnten nach der NS-Zeit gelebt und in der rheinischen Kirche gewirkt haben. Ihre Lebensgeschichten bieten einen spannenden Zugang zur bewegten Geschichte dieser Jahre. Dabei wird auch der Blick auf dunkle Seiten der Kirchengeschichte nicht ausgespart. 

Mitherausgeber Professor Joachim Conrad aus Püttlingen-Köllerbach stellte das Buch am Sonntag in der Saarbrücker Schlosskirche vor. Der Theologe und drei der beteiligten Autoren lasen aus Biografien saarländischer Protestantinnen und Protestanten.

Geschrieben haben die Porträts mehr als drei Dutzend Autorinnen und Autoren. Die Auswahl der Personen wurde von dem Bemühen geleitet „den rheinischen Protestantismus im 20. Jahrhundert zumindest exemplarisch in seiner ganzen Breite abzubilden“, heißt es in der Einleitung. So finden sich in dem Band sowohl die Väter der Bekennenden Kirche (BK) wieder, die gegen die NS-Kirchenpolitik und die Gräueltaten der Nazis aufstanden, wie auch glühende Anhänger der sogenannten Deutschen Christen, die die Gleichschaltung der Kirche im NS-Staat befürworteten.

Auch im 20. Jahrhundert in der Kirche noch stark unterrepräsentierte Frauen, die als Theologinnen oder engagierte Ehrenamtliche arbeiteten, werden vorgestellt. „Die Stärke der Lebensbilder liegt in der ehrlichen Auseinandersetzung mit dem historischen evangelischen Milieu, das leider lange Zeit allzu konservativ und deutschnational orientiert war“, resümiert Simone Rauthe in ihrer Bilanz am Ende des über 350 Seiten starken Buches.

„Das Buch soll historisch interessierte Leserinnen und Leser durch seinen unmittelbaren lebensgeschichtlichen Zugang ansprechen. Abseits abstrakter politischer oder theologischer Denkgebäude kann es so zum Verständnis des Hier und Jetzt unserer Kirche beitragen“, sagt Stefan Flesch, Direktor des Landeskirchlichen Archivs der rheinischen Kirche, der zu den Herausgebern gehört.

 

„Zwischen Bekenntnis und Ideologie.

100 Lebensbilder des rheinischen Protestantismus“,

hrsg. von Thomas Martin Schneider, Joachim Conrad und Stefan Flesch;

Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2018.

ISBN 978-3-374-05617-0; Preis: 30 Euro.





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